Heute fanden in St. Gallen aufgrund interner Streitigkeiten gleich zwei Mobilisierungen des nationalistischen «Anti-Corona»-Spektrums statt. Im Vorfeld waren rund 3’000 Teilnehmende angekündigt worden, erschienen sind letztlich nur wenige Hundert. Während es bei beiden Umzügen personelle Überschneidungen gab, beteiligten sich insbesondere an der Demonstration von Mass-Voll zahlreiche Neonazis.
Dies ist kein Zufall. Mass-Voll hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Scharnierstelle zwischen Neonazi-Milieu und «Anti-Corona»-Szene entwickelt. Die Organisation beteiligte sich am europaweiten Identitären-Aufmarsch in Wien, und mehrere ihrer Mitglieder wechselten mittlerweile zur Jungen Tat oder in deren Umfeld. Mit militanter Rhetorik und martialischer Bildsprache versucht Mass-Voll gezielt junge Menschen zu rekrutieren.
So führten diverse Mass-Voll-Mitglieder heute echte Hellebarden (und Schilde) mit sich und marschierten bewaffnet durch St. Gallen.
Die Hellebarde ist seit zwei Jahren auch zum Symbol der SVP geworden. Beide beziehen sich dabei auf mythische Schlachten wie jene von Morgarten 1315, in der – so die Legende – Bauern und Söldner mit Hellebarden die schwer gepanzerte österreichische Kavallerie besiegt haben sollen. Dass diese Schlacht in dieser Form nie stattfand, scheint beiden egal zu sein, solange es der eigenen Propaganda dient.
Während Mass-Voll sich heute primär auf die Produktion von Promo-Bildern konzentrierte, übernahmen die Junge Tat und weitere Neonazis die organisatorischen Aufgaben der Demonstration wie Megafon, Medienarbeit, «Demoschutz» und die Koordination des Umzugs. Entgegen manchen Medienberichten sind Neonazis heute nicht einfach mitmarschiert – vielmehr gab es klare organisatorische Absprachen zwischen Mass-Voll und den Neonazi-Strukturen.
Obwohl die Junge Tat ihre organisatorischen Aufgaben eher mangelhaft erfüllte, konnte sie sich intern als vermeintliche «Elite» der rechtsextremen Szene inszenieren. Dabei wurde heute vor allem eines deutlich, nämlich dass die Junge Tat und ihr Umfeld vor allem durch Gewaltbereitschaft auffällt.
So suchten diese bereits beim ersten antifaschistischen Protest den Weg zur direkten Konfrontation, wurden aber durch Polizeiketten und Gitterfahrzeuge daran gehindert. Später in der Innenstadt richtete sich ihre hemmungslose Gewalt – in der Hoffnung es seien Antifas – auch gegen zivile Beamte und kassierten dafür reichlich Peffer.
Neben den genannten Neonazistrukturen beteiligten sich auch lose organisierte Neonazi-Gruppen an der Demonstration. Besonders auffallend waren junge Gruppen, die teilweise erstmals an die Öffentlichkeit traten und auf Anschluss an etablierte Neonazi-Strukturen hofften. Durch aggressives Auftreten und Vermummung versuchten die Neonazis, den öffentlichen Raum gezielt einzunehmen und zu besetzen.
Antifaschistischer Protest war heute dringend notwendig, sah sich aber starker Repression ausgesetzt. Dennoch kam es zu einem entschlossenen Umzug sowie kleineren Blockadeaktionen. Dass Neonazis zunehmend auf Demonstrationen in Randregionen der Schweiz ausweichen, scheint eine bewusste Strategie zu sein. So sollte am 21. Februar eine Neonazi-Demonstration in Lugano stattfinden, diese erhielt jedoch keine Bewilligung. Als antifaschistische Bewegung werden wir uns in Zukunft also mit neuen Ansätzen und Erfahrungen auseinandersetzen müssen.



